ref-kirche

Die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde München II versteht sich als Teil der pluralistischen Gesellschaft und sucht den Dialog mit allen Menschen, die nach der Wahrheit fragen und Wege der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung gehen wollen.

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Das folgende Zitat Martin Luther`s King ist in unserer Zeit wichtig:
"Es gibt keinen Weg zum Frieden, wenn nicht schon der Weg Frieden ist."

“Reformiert” heißt: sich durch Gottes Geist und Wort ständig in Bewegung zu setzen und erneuern zu lassen zur Ehre Gottes und zum Wohle des Nächsten.

Anlässlich eines gemeinsamen Themenabends v. 13.03.2014 referierte

Herr Dr. Tobias Jung in unserem Gemeindezentrum über die Frage: Welchen Stellenwert hat Gott in den Naturwissenschaften?

Dieser Vortrag ist hier als PDF-Datei zum Nachlesen und Download bereit.

Jedes Jahr gibt es einen Gemeindeausflug und festliche Veranstaltungen mit musikalischen Highlights.

Zur Person von Johannes Calvin

Referat über Johannes Calvin

"Ich war von Natur menschenscheu und schüchtern und hätte gern ein ruhiges Leben abseits vom Treiben der Welt geführt ... . Gott aber war nicht gewillt, mir dies zu gewähren ... um mich dann schließlich - entgegen meiner natürlichen Veranlagung - ins helle Licht zu ziehen."
Johannes Calvin, ca. 1560

Diese Aussage, wenige Jahre vor dem Tod des Sprechers, ist eindeutig demütig gegenüber Gott und sicherlich auch etwas traurig. Allerdings akzeptiert der Sprecher das Geschehene und verdammt es nicht. Er spricht jedoch auch in der Rückschau auf das Erlebte relativ selbstbewußt
Aber - war der Sprecher dies auch wirklich, und wenn ja, gegenüber wem ? Und überhaupt: Was hat er gemacht? Um mit der zweiten Frage zu beginnen:
Johannes Calvin gilt als der Zweite unter den drei großen Reformatoren des 16. Jahrhunderts neben Martin Luther (1483 - 1546) und Huldreich Zwingli (1484 - 1531).
Die Beantwortung der ersten Frage wollen wir etwas verschieben und am Ende noch einmal besprechen.
Für das Textverständnis ist eine weitere wichtige Anmerkung zu machen:
Es gibt die evangelische (lutherische) und die reformierte (calvinistische und später zwinglische) Konfession.
Diese beiden wurden unter dem Begriff des Protestantismus zusammengefaßt. Das Gegenstück zum Protestantismus war der Katholizismus. Diese drei Konfession bekämpften sich bitter gegenseitig.
Im Trienter Konzil von 1545 - 1563 wurde die Erneuerung der katholischen Kirche beschlossen, die weiterhin den Anspruch erhielt, einzige wahre Kirche zu sein. Diese Erneuerung wird "Gegenreformation" genannt.

Kurzlebensläufe anderer wichtiger Personen

Die nun folgenden Personen sind wichtig für das Textverständnis. Erasmus von Rotterdam muß jedoch nur im Zusammenhang mit Zwingli beachtet werden, im restlichen Text wird er nicht mehr genannt. Die letzten fünf Personen sind für das Textverständnis ebensowenig wichtig, allerdings gehören sie, ähnlich wie Erasmus, zu den Namen, die man zumindest einmal gehört haben sollte.
Der Humanismus oder Humanisten werden häufiger im Text genannt. Der Humanismus kam zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert auf und hatte das Ziel, Menschen zum Guten, Wahren und Schönen zu führen und seine Sehnsucht nach Vollkommenheit zu verwirklichen. Das Vorbild waren Werke alter römischer und griechischer Dichter.
Den Lebenslauf Martin Luthers müssen wir hier wahrscheinlich nicht mehr genauer beschreiben. Es dürften einige wenige Angaben reichen:
Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben / Thüringen geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule begann Luther in Erfurt das Studium der Philosophie und sollte nach dem Examen Jurist und Stadtrat werden. Nach einem Gewittererlebnis, bei welchem er den Eintritt ins Kloster versprochen hatte, machte er dieses Versprechen war.
Am 31. Oktober 1517 schlug Luther an der Schloßkirche zu Wittenberg seine 95 Thesen an. Dabei griff Luther die Lehre von Johannes Hus (1370 - 1415), der ebenso Reformen durchsetzen wollte, jedoch auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verbrannt wurde.
Am 10. Dezember 1520 erhielt Luther die päpstliche Bannbulle, am 5. Februar 1521 wurden Bann und Kirchenausschluß rechtsgültig. Am 18. April 1521 folgte die Reichsacht durch Karl V. Martin Luther fand jedoch als "Junker Jörg" auf der Wartburg Asyl und übersetzte hier die Bibel. Luther blieb in seiner Lehre dem Katholizismus nahe.
Martin Luther starb am 18. Februar 1546 mit 62 Jahren in Eisleben und wurde in Wittenberg beigesetzt.

Der dritte große Reformator des 16. Jahrhunderts, Huldreich Zwingli, dürfte weniger bekannt sein.
Huldreich (oder Ulrich) Zwingli wurde am 1. Januar 1484 geboren und 1519 Prediger am Großmünster in Zürich. 1523 wandte sich Zwingli mit seinem Buch "Von Klarheit und Gewißheit des Wortes Gottes" von den Idealen von Erasmus von Rotterdam ab und dem Protestantismus zu. Im selben Jahr nahm der Rat von Zürich Zwinglis geänderte Kirchenordnung an.
Huldreich Zwingli starb am 11. Oktober 1531 als Feldprediger in der Schlacht bei Kappel zwischen den katholischen Urkantonen und den protestantischen Gebieten im jungen Alter von 47 Jahren.
Sein Nachfolger wurde 1531 Heinrich Bullinger (1504 - 1575). Dieser einigte sich 1549 mit Calvin in der Abendmahlsfrage (genaue Erklärung dieser Frage später).
Im Oktober 1529 fand das sogenannte Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt. Luther und Zwingli konnten sich über die Abendmahlslehre nicht einigen. Während Zwingli das Abendmahl lediglich als eine Feier der Erinnerung auffaßte, beharrte Luther auf der tatsächlichen Gegenwart Christi. Er wollte den sakramentalen Charakter ("Dies ist mein Leib" ) erhalten. Melanchthon nahm auch an diesem Gespräch teil und unterstützte Luther. Eine Einigung zwischen den lutherischen und den zwinglischen Protestanten wurde praktisch erst fast 300 Jahre nach diesem Gespräch gefunden. Am 26. Juli 1821 nämlich vereinigten sich diese beiden Gruppen in Baden zur evangelisch - protestantischen Landeskirche, dem Vorläufer unserer heutigen Evangelischen Landeskirche in Baden.

Eine weitere wichtige Person war Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt).
Philipp Melanchthon wurde am 16. Februar 1497 in Bretten (Kurpfalz) geboren. 1508 wurde er Lateinschüler in Pforzheim und studierte von 1509 bis 1514 in Heidelberg und Tübingen, wo er auch Lehrer (Magister) wurde. Er war Humanist und bedeutendster Mitarbeiter Luthers. Er machte sich verdient um die Neuordnung der deutschen Universitäten. Seine Hauptwerke waren "Augsburger Bekenntnis" und "Apologie".
Philipp Melanchthon starb am 19. April 1560 mit 63 Jahren.
Die letzte wichtige Person unserer Aufzählung ist Desiderius Erasmus, eher bekannt als "Erasmus von Rotterdam" (siehe Zwingli).
Der niederländische Humanist und Theologe Erasmus wurde 1469 geboren und bewahrte während der Reformation zwischen der katholischen und der protestantischen Kirche seine eigene freiheitliche Stellung. Er wollte das kirchliche Zeremonienwesen erneuern. Seine Werke hatten schon auf die damalige Zeit großen Einfluß.
Desiderius Erasmus starb 1536 im Alter von 67 Jahren.
Die letzen vier Personen sind weitere Theologen des 16. Jahrhunderts, deren Namen man zumindest schon einmal gehört haben sollte.
Hier gibt es beispielsweise Johannes Brenz. Brenz wurde 1499 geboren und gehörte 1518 zu den Zuhörern in Heidelberg, wo Luther seine Lehre verteidigen mußte. Nach seiner Disputation wurde er 1519 Dozent an der Universität Heidelberg und erklärte seinen Studenten das Evangelium. Da er großen Zulauf hatte, bekam er den Neid der anderen zu spüren und wurde aus der Universität herausgeschoben. Nach der Priesterweihe predigte er jetzt auch öffentlich. Luthers Schriften interessierten ihn. Nach dem Wormser Reichstag konnte er jedoch nicht länger in Heidelberg bleiben und ging nach Schwäbisch-Hall, wo der Rat schon 1526 Brenz' Kirchenordnung annahm. Bis 1546 arbeitete er in Schwäbisch-Hall und nahm an wichtigen Ereignissen der Reformation teil. 1548 protestierte Brenz jedoch gegen ein für ihn zu wenig reformiertes Kirchengesetz und sollte verhaftet werden. Auf der Burg Hornberg im Schwarzwald kam er unter.
1553 konnte Brenz aus der Verbannung zurück und blieb bis zu seinem Tod 1570 an der Stiftskirche in Stuttgart. Johannes Brenz wurde 71 Jahre alt.
Martin Butzer wurde am 11. November 1491 in Schlettstadt im Elsaß geboren. Mit 15 Jahren wurde er Predigermönch und studierte zwei Jahre später in Heidelberg. Luthers Thesen machten auf ihn einen großen Eindruck und so nutzte er die Chance nach einem Vortrag Luthers und besuchte diesen. Diese Begegnung brachte in zum Protestantismus. Ende 1520 trat Butzer aus seinem Orden aus. 1529 wurde in Straßburg Butzers Kirchenordnung eingeführt, welche die Vorlage für Calvins Kirchenordnung sein sollte. 1539 wurde in Straßburg die Konfirmation eingeführt. Als der Straßburger Rat 1549 das oben genannte Kirchengesetz annahm, konnte Butzer nicht länger in Straßburg bleiben.
Butzer ging nach England, verstarb am 28. Februar 1551 60jährig und wurde in der Hauptkirche in Cambridge beigesetzt.
Justus Jonas wurde 1493 geboren. Beim Einzug Luthers nach Worms 1521 war Jonas Luthers Begleiter. Im selben Jahr wurde er in Wittenberg Doktor der Theologie und hielt von da an Vorlesungen über die Bibel. Von 1523 bis 1533 verwaltete er als Dekan die theologische Fakultät. Er machte sich danach daran, die lateinischen Werke von Luther und Melanchthon ins Deutsche zu übersetzen. Auch er führte eine Stadt zum Protestantismus, er wahr von 1541 bis 1546 in Halle tätig. Er überrumpelte den katholischen Bischof, indem er einfach nach lutherischer Art den Gottesdienst feierte. Jonas ist bis zum Tod Luthers dessen Wegbegleiter. Nach dessen Tod beginnen für Jonas schwere Jahre. Halle wurde von Moritz von Sachsen erobert, Jonas hatte als Kopf der Reformation viel zu leiden.
Er begann schließlich ein Wanderleben, bis er 1555 schwer erkrankte und an den Folgen dieser Krankheit am 9. Oktober 1555 im Alter von 63 Jahren starb.
Am 24. Juni 1485 wurde Johannes Bugenhagen auf der Ostseeinsel Wollin geboren und war Sohn eines Ratsherren. Der gute Freund von Melanchthon zog 1521 nach Wittenberg, wo er nach vorheriger Priesterweihe ohne Theologiestudium wieder studierte. Er wollte dem Mann nahe sein, der ihm das "Tor zur reformatorischen Erkenntnis" geöffnet hatte. Allerdings traf er Luther kaum, da dieser nach Worms mußte und dann auf der Wartburg Unterschlupf suchte. Dafür nahm sich Melanchthon seines Freundes an. Bugenhagen wurde der "Reformator des Nordens" , da er in Braunschweig, Hamburg und Lübeck, in Pommern, in den Herzogtümern Braunschweig-Wolfenbüttel, Schleswig-Holstein und im Königreich Dänemark die Reformation durchführte. Teils waren dazu aber harte Kämpfe nötig.
Johannes Bugenhagen starb am 20. April 1558 im für die damalige Zeit hohen Alter von 73 Jahren in Wittenberg.
Ein weiterer wichtiger Humanist der damalige Zeit war Ulrich von Hutten. Er lebte von 1488 bis 1523 und war ab 1519 Mitstreiter von Martin Luther. Er schrieb auch die sogenannten Dunkelmännerbriefe, theologische Streitschriften. Er starb bereits im jungen Alter von 35 Jahren.

Chronologie des Lebens Johannes Calvins und des frühen Calvinismus

Die Anfänge und die Bekehrung (1509 - 1536)

Johannes Calvin, eigentlich Jean Cauvin, stammte aus der nordfranzösischen Stadt Noyon. Er wurde dort am 10. Juli 1509 geboren. Calvins Vater war Jurist und angesehener Beamter des dortigen katholischen Bischofs. Er wollte, daß auch sein Sohn Jurist werde. Allerdings starb sowohl der Vater als auch Calvins Bruder in exkommuniziertem Zustand, d. h. im Kirchenbann. Bereits im Alter von 12 Jahren bekam er 1521 seine ersten Pfründe , mit 18 Jahren 1527 seine zweiten. Obwohl er zunächst Theologie studieren wollte und sollte, studierte er von 1523 an in Paris die Freien Künste. Danach ging er nach Orléans, wo er Jura studierte. 1533 wurde er hier auch Doktor der Rechte (Dr. jur.), nachdem er zwischenzeitlich auch in Bourges studiert hatte. Noch vor Abschluß des Jura - Studiums erschien seine erste Schrift, eine Erklärung zu einem Werk Senecas (ca. 4 v. Chr. - 65 n. Chr.). Während seines Studiums lernte Calvin Luthers Schriften kennen. Allerdings interessierten sie ihn nicht sonderlich.
Im Jahr 1533 (andere Bücher geben das Jahr 1528 an, was jedoch aufgrund Calvins Lebensstil zwischen 1528 und 1533 unwahrscheinlich ist) wurde er "plötzlich bekehrt" , über die Umstände dieser Bekehrung wissen wir allerdings nichts. Die Jahre davor (1528 - 1533) waren wohl eine Art Vorbereitung für diese "subita conversio" . In Bourges las er die Schriften Luthers. 1530 wurde sein Bruder exkommuniziert. 1531 setzte die Einflußnahme des Humanismus auf Calvin ein. An der Pariser Universität vertrat er die Reformation. Er mußte 1534 zusammen mit dem Rektor der Universität Paris, Cop, für den er zum 1. November 1533 (Allerheiligen) eine Rede, die indirekt zur Annahme der Reformation aufforderte, geschrieben hatte, nach Straßburg fliehen. Der französische König hatte die Reformation in Frankreich verboten. Danach ging er nach Basel. Hier erschien 1536 sein Buch "Christianae Religionis Institutio" --"Unterweisung [oder "Unterricht"] im christlichen Glauben". Mit Herausgabe dieses Buches wurde der erst 26jährige berühmt. Die erste Ausgabe glich dem "Kleinen Katechismus" Luthers , die zweite von 1539 war ein Handbuch der Theologie mit 17 Kapiteln, aus welchen in der dritten Ausgabe von 1559 gar 80 Kapitel wurden. Die "Institutio" war, ähnlich wie Zwinglis "Commentarius de vera ac falsa religione" (Erläuterung über den wahren und falschen Glauben), dem französischen König Franz I. (Lebenszeit 1494 - 1547, Regierungszeit 1515 - 1547) gewidmet, der die Protestanten in seinem Reich verfolgte. Im Gegensatz dazu aber wollte Franz I. mit den protestantischen Fürsten des deutschen Reiches eine gute Beziehung pflegen. Trotzdem ließ er die Hinrichtungen an Protestanten zu, allerdings getarnt als Morde an Aufrührern.

Der erste Aufenthalt in und die Vertreibung aus Genf (1536 - 1541)

Von Basel aus gelangte Calvin auf dem Rückweg von einer Reise nach Italien zufällig nach Genf. Im Juli 1536 traf er in der Stadt ein, in der schon seit 1535 die protestantische Konfession vorherrschte und die 1531 unabhängig geworden war. Ein evangelischer Prediger bat ihn zu bleiben. Seit 1532 herrschten hier Wilhelm (Guillaume) Farel (1489 - 1565), Pierre Viret und Antoine Froment. Farel war Schüler Fabers und brach 1521 mit der katholischen Kirche, 1523 floh er nach Basel. In Genf hatten die Evangelischen die Kirche eingenommen und die katholische Messe verboten. 1536 gelang es mit Hilfe Berns, einen Wiedereinverleibungsversuch der Savoyer abzuwehren. Nach anfänglichem Ablehnen entschloß sich Calvin doch in Genf zu bleiben. Ende 1536 verfaßte Calvin einen Entwurf zur Neuordnung des Kirchenwesens, welcher im Januar 1537 dem Rat der Stadt Genf vorgelegt wurde. Als erste Maßnahme schlug Calvin die Einführung eines Glaubensbekenntnisses - der "Instruction et confession de foi" - vor. Wer nicht bereit war, den Eid zu leisten, sollte aus der Stadt vertrieben werden. Im Juli 1537 begann man mit der Durchführung des Kircheneides. Es gab allerdings eine recht starke Opposition gegen diesen Kircheneid, die diesen nicht ablegen, jedoch trotzdem in der Stadt bleiben wollten. Diese Opposition wandte sich schon recht früh gegen Calvin und Farel. Im zweiten Punkt der Neuordnung verlor Calvin den Kern seiner Forderung im Gespräch mit dem Rat der Stadt. Männer aus der Gemeinde sollten das sittliche Verhalten der Bürger sichern und Verstöße den Priestern melden. Die kirchliche Obrigkeit sollte dann die Strafen festlegen. Der Rat folgte diesem Vorschlag, setzte aber anstatt der kirchlichen die weltliche Obrigkeit als Richter fest. Die Opposition, die durch die Behauptung, Calvin sei der Urheber des Ganzen, weiter wuchs, errang bei den Wahlen im Februar 1538 einen Sieg. Der neue Rat forderte, daß die Priester der weltlichen Obrigkeit unterstellt werden. Calvin und Farel verweigerten dies. Die Situation eskalierte in der Frage, ob das Abendmahl mit Oblaten oder mit gebrochenem Brot durchgeführt werden solle. Auch die Aussage eines Priesters, Johann Kaspar Schade, daß er die übliche Ohrenbeichte nicht mehr verantwortungsvoll weiterführen könne, tat ihr Übriges dazu. Ostern 1538 brach der Konflikt offen aus. Am 23. April 1538 mußten Calvin und Farel die Stadt verlassen. Hier teilten sich ihre Wege. Farel ging bis zu seinem Lebensende 1565 in seine Heimatstadt Neuenburg (Neuchatel), während Calvin seinen alten Reiseplan von vor zwei Jahren zu Ende führte und nach Straßburg übersiedelte. Hier widmete er sich bis 1541 der geistlichen Versorgung der französischen Flüchtlinge. Er kam mit der deutschen reformatorischen Theologie enger in Verbindung. Außerdem traf er Philipp Melanchthon (1497 - 1560). Mit diesem zusammen nahm er an verschiedenen Religionsgesprächen teil: 1540/41 trat er als Vertreter des Herzogs von Lüneburg in Worms auf und 1541 als Vertreter Straßburgs in Regensburg. Im Oktober 1539 veröffentlichte er einen Kommentar zum Römerbrief und 1541 folgte eine Schrift über das Abendmahl.

Der zweite Aufenthalt in Genf (1541 - 1564)

Bei den Wahlen 1541 gewannen wieder die Calvin - Anhänger und Calvin konnte am 13. September 1541 wieder nach Genf gehen. Im November 1541 wurden Calvins "Ordonnances ecclésiastiques", d. h. die Einführung der Kirchenordnung Calvins, vom Rat angenommen. Die Stadt wurde in zwölf Bezirke eingeteilt, welche jeweils einem Ältesten anvertraut wurden. Diese hatten das Recht, jederzeit und ungehindert in jedes Haus zu gehen, um dort den sittlichen Anstand zu begutachten. Jedes Vergehen gegen den sittlichen Anstand wurde streng bestraft. Dies konnte bis zur Exkommunikation führen.
1542 entstand der von Calvin geschriebene "Genfer Katechismus".
1543 bat der Lehrer Sebastian Castellio um Übertragung eines Predigeramtes. Dieser jedoch hielt entgegen Calvins Meinung das Hohelied für ein Liebeslied, was es wahrscheinlich auch ist. Dieses unvorschriftsmäßige Denken hatte jedoch zur Folge, daß Castellio 1544 Genf verlassen mußte. Dennoch stand die Obrigkeit völlig hinter Calvin.
1545 begann Calvin den Kampf gegen die Opposition in der Stadt. Für die Alt-Genfer Kreise war Calvin, der erst 1559 das Bürgerrecht von Genf erhielt, ein Fremder und ein Eindringling. Als ein Führender der Alt-Genfer Kreise, Pierre Ameaux, gegen Calvin eine abfällige Bemerkung machte, mußte er 1546 im Bußhemd Buße tun. Der Rat wollte dies dabei belassen, doch Calvin wollte eine höhere Bestrafung.
Im Juni 1546 fand man an einer Kanzel ein Plakat mit Drohungen gegen calvinistische Priester. Der Urheber, Jacques Gruet, wurde wegen Gotteslästerung hingerichtet. Einem der einflußreichsten Ratsmitglieder, Ami Perrin, wurde vor allem seine lebenslustige Frau zum Verhängnis. Calvin zwang Perrin zur Demütigung. Außerdem wurde Perrin am 25. Mai 1547 als Gesandter nach Paris geschickt, wo er sich in politische Machenschaften einließ, welche in wegen Hochverrats ins Gefängnis brachten. Wäre Calvin jedoch konsequent gewesen, hätte er selbst wegen des gleichen Verbrechens angeklagt werden müssen, da auch er trotz ausdrücklichen Verbots mit dem König der Franzosen in Kontakt stand.
Diese Parteikämpfe führten bei der Wahl 1548 zum erneuten Sieg für Calvins Gegner, welche die Macht Calvins beschneiden wollten. Doch diese Macht Calvins zeigte sich am Beispiel des Philibert Berthelier. Dieser wurde von Calvin - wahrscheinlich zu Recht - exkommuniziert. Dennoch beschloß der Rat, Berthelier zum Abendmahl zuzulassen - eine Kriegserklärung an Calvin. Im entscheidenden Gottesdienst, der ausgerechnet von Calvin gehalten wurde, waren alle Blicke auf Berthelier gerichtet. Dieser konnte dem Druck nicht standhalten und ging nicht zum Abendmahl. Die Machtprobe endete also mit einem Sieg Calvins. Im Jahr 1549 einigte sich Calvin (wie schon oben erwähnt) mit Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Zürich, in der Abendmahlsfrage, in welcher Calvin die Gegenwart Christi im Geist vertrat.

Bolsec- und Servet-Prozesse (1548 - 1553)

Von 1548 bis 1553 folgte ein immerwährender, erbitterter Kampf zwischen Calvin und dem Rat. Dieses Ringen ist bei der Beurteilung folgender zwei Urteile zu berücksichtigen:
Der ehemalige Mönch Hieronymus Bolsec zählte sich zu den Pastoren von Genf und wurde von diesen auch akzeptiert. Im Jahr 1551 jedoch griff er Calvins Lehre an. Damit war dessen Lehrgebäude an der Basis gefährdet. Bolsec wurde sofort verhaftet, der Rat konnte jedoch die Exekution durch Gutachten anderer Kantone in eine Ausweisung abschwächen. Bolsec entwickelte sich wieder in den Katholizismus zurück und schrieb eine Calvin - Biographie, die für die katholische Kirche noch einige Jahrhunderte ausschlaggebend war. Durch diese Behauptung Bolsecs aufgewacht, erklärten einige Leute Calvins "Institutio" zu einem schändlichen Werk. Der Rat stellte zwar das Gegenteil fest, unternahm gegen die Aufrührer jedoch nichts. Dies war eine weitere Provokation gegen Calvin in dieser Politik der kleinen Nadelstiche.
Der Arzt und Philosoph Michael Servet (1511 - 1553) trug schon 1530 Zweifel an der Dreifaltigkeit Gottes vor, welche er 1531 in der Schrift "De trinitatis erroribus" - "Über die Irrtümer in bezug auf die Dreifaltigkeit" zum Ausdruck brachte. Er schrieb ein Buch gegen Calvin mit dem Namen "Christianismi Restitutio" (Wiederherstellung des Christentums), wegen dem sich Servet unverständlicherweise zwecks Drucks des Buches an Calvin selbst wendete. Den Briefwechsel 1545/46 brach Calvin mit der Begründung, Servet sei ein Satan, ab. Das Buch wurde 1553 in Lyon doch gedruckt, allerdings anonym. Calvin erkannte den Autor aber sofort, Servet wurde von einem französischen Flüchtling, dessen Beziehung zu Calvin ungeklärt ist, angezeigt. Die Briefe Servets an Calvin brachten den Beweis der Tat. Am 13. August 1553 besuchte Servet heimlich den ausgerechnet von Calvin zelebrierten Gottesdienst. Er wurde erkannt und verhaftet. Servet wurde als Ketzer am 27. Oktober 1553 verbrannt, ohne widerrufen zu haben. Beim Prozeß trat Calvins Härte und Erbarmungslosigkeit zutage und erzeugte bei vielen Menschen größtes Unbehagen. Allerdings hatte Calvin sowohl das Recht als auch die meisten Kantone auf seiner Seite.

Die Jahre nach den Prozessen (1553 - 1564)

Im Servet-Prozeß errang Calvin den endgültigen Sieg über seine Gegner. Im Januar 1555 wurde sein Bannrecht offiziell anerkannt. Der Rat wurde wieder mit Calvin - Anhängern besetzt. Die darauffolgenden Unruhen waren bedeutungslos, reichten aber, um die Gegner Calvins auszurotten. Es gab etliche Todesurteile.
Im selben Jahr gab es den Augsburger Religionsfrieden. Er sah die Gleichberechtigung beider Hauptkonfessionen vor. Allerdings muß man diesen Religionsfrieden eindeutig als Kompromiß sehen: die Protestanten konnten nicht die gesamte Kirchen reformieren, während die katholische Seite die Reformation nicht überwinden konnte. In diesem Augsburger Religionsfrieden wurde der Grundsatz "Cuius regio eius religio" gefaßt. Jeder Landesherr konnte also bestimmen, welcher Konfession seine Untertanen angehören sollten.
1559 gründete Calvin die "Genfer Akademie", welche die Studenten in der Verbreitung der calvinistischen Lehre ausbilden sollte.
Johannes Calvin starb am 27. Mai 1564 im Alter von 54 Jahren. Sein Nachfolger wurde Theodor Beza (eigentl. De Béze) (1519 - 1605).

Die Denkweise Calvins

Die Denkweise Calvins wird an folgenden Text deutlich. Es ist seine erste Predigt in Genf 1536. Sie zeigt, wie er das Evangelium verstand:
"... Der Mensch aus sich heraus vermag nichts. Alles, was in ihm noch lobenswert ist, kommt aus der Gnade Gottes. All unsere Gerechtigkeit ist Ungerechtigkeit, unser Verdienst Unrat, unser Ruhm Schande. Die besten Dinge, die aus uns entstehen, sich noch immer verseucht und lasterhaft, gemacht durch das Unreine des Fleisches und mit Schmutz vermengt. Wenn man den Menschen sich selbst überläßt, ist seine Seele einzig des Bösen fähig ... . Über allem Irdischen ... steht Gott in seiner gewaltigen, furchterregenden Majestät. Und mit unerforschlichem Gnadenwillen errettet er die einen und verstößt die anderen. Gott allein in und mit seinem eingeborenen Sohn bestimmt von Beginn an jeden einzelnen Menschen zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis. Das [verderbliche] Geschöpf hat kein Recht, über diesen Ausflug göttlicher Allmacht zu klagen. Die Gnadenwahl Gottes ist die Hauptsache unserer Lehre."
Diese Denkweise ist natürlich auch Basis der nun folgenden calvinistischen Lehre.

Die Calvinistische Lehre

Die Lehre von Johannes Calvin ist geprägt von der sog. Prädestination. Diese Prädestination (lat. prae = vor, destinare = bestimmen, also Vorbestimmung) wird von Calvin so interpretiert, daß Gott einen Teil der Menschheit zum rechten Glauben und zum ewigen Heil bestimmt hat, den anderen Teil aber zum Unglauben und damit zur ewigen Verdammnis. Die Auswahl der Menschen durch Gott sei für die Menschen ein Geheimnis, die Erwählung ein freies Geschenk Gottes. Die Erwählten seien verpflichtet, die Ehre Gottes zu mehren, indem sie Sünde mieden, die wahre Religion ausbreiteten und alle Ungläubigen mit Gewalt (!) an der Sünde hinderten. Die Erwählung äußere sich auch im Diesseits, indem Gott die Erwählten beispielsweise mit Reichtum und geschäftlichem Fortkommen ausstatte. Diese Lehre, daß Reichtum das Zeichen göttlicher Güte sei, veränderte die Ethik ganz im Sinne der handel- und gewerbetreibenden Bürger. Somit war - zumindest in calvinistischen Städten - der Reichtum auch theologisch angesehen. Außerdem sei Gott allein wirksam, die Bibel sei die alleinige Quelle der Wahrheit. Calvins Sündenbegriff war auch nicht erst als Verstoß gegen die Zehn Gebote definiert, sondern eine Person sündigte bereits, wenn sie Dinge auf Erden tat, die sie nur im Jenseits haben dürfe. So war zum Beispiel der Besuch einer Gastwirtschaft, einer Theater- oder Tanzveranstaltung oder das Fehlen beim Gottesdienst eine Sünde ! Wer Gott lästerte oder Ehebruch beging, wurde getötet. Hochverrat und Vergehen gegen die göttliche Wahrheit wurden mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen geahndet. 1546 beschloß der Rat, daß die Bürger nur noch in ein christliches Gasthaus, eine sog. "Abtei", gehen durften, in welcher die Bibel auslag und der Wirt für Bibelgespräche zu sorgen hatte. 1560 wurde jedoch der Besuch von Wirtshäusern generell verboten und 1561 wurde die Verfügungsgewalt über Gaststätten an ein Untergremium übertragen.

Das Ziel Calvins

Calvin war mit dem Aufbau der am "Wort Gottes reformierten Kirche" noch lange nicht an seinem eigentlichen Ziel. Er wollte nämlich alle "Erwählten" sammeln, um mit ihnen das Reich Christi zu errichten. Damit unterwanderte er praktisch die gesamte christliche Kirche in Europa, ob katholisch oder lutherisch - protestantisch - evangelisch. Dies brachte ihm Ärger mit den Anhängern beider Kirchen, aber auch mit deren politischen Hintermännern. Calvin wollte weiterhin Erfolg mit seiner Lehre haben, also bediente er sich auch politischer Mittel.
Gute Studenten schickte er nach Abschluß des Studiums in ihre Heimat zurück, wo sie calvinistische Gemeinden gründeten. In Osteuropa, also in Böhmen (heutige Tschechische Republik), Polen und Ungarn neigte sich der Adel seiner Lehre zu, während in Westeuropa dies eher bei der Bürgerschaft der Fall war. In beiden Regionen jedoch war der Hauptgrund schlicht der Protest gegen andersgläubige Obrigkeiten. Auch nach Schottland, Italien und Nordamerika ging die calvinistische Bewegung.
Noch heute gehört die Mehrheit der Protestanten in der Schweiz, in den Niederlanden und in Nordamerika nicht zur lutherisch - protestantischen, sondern zur calvinistisch - protestantischen Konfession.
Bis zu Calvins Tod versuchte dieser mit Briefen an hohe Adelige und an Städte den politischen Weg des Calvinismus zu bahnen. Er unterstützte ausschließlich "seine" Obrigkeiten, wenn sich diese in Konfliktsituationen befanden, selbst wenn diese im Unrecht lagen. Diese Politik bescherte Frankreich und den Niederlanden einen Bürgerkrieg und in Osteuropa führte ein Konflikt in Böhmen mit zum Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648).
Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Calvin sein Ziel tatsächlich erreicht hat. Aber um diese Frage beantworten zu können, müßte man natürlich das genaue Ziel Calvins kennen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Jeder von uns muß jetzt für sich selbst entscheiden: Hat Johannes Calvin sein Ziel erreicht?

Nun wollen wir noch einmal zur Beantwortung der ersten Frage zurückkommen. Sie lautete: Gegenüber wem war Calvin selbstbewußt ? Wir denken, daß Calvin sowohl die Demut als auch das Selbstbewußtsein in sich vereinigt hat. Er war sehr selbstbewußt, ja sogar diktatorisch, gegenüber den Menschen, aber sehr demütig gegenüber Gott.

Eike Biehler
mit einem Klassenkameraden

Wir bedanken uns bei allen Personen, die bei der Erstellung dieses Referats halfen.
Besonders bedanken wir uns bei Herrn Jörg Rudolf, Christian Esch und Nicola Reiling. Diese stellten uns Kopien zur Verfügung, welche wir gut gebrauchen konnten. Aber auch allen anderen Personen, die versuchten, Informationen zu besorgen, soll gedankt sein, also auch den Damen in der Bonndorfer Stadtbibliothek, Frau Christine Knopf, Herrn Pfarrer Herbert Lenz und Herrn Peter Lebeau.

Vorgetragen am 16. Juli 1997
Note: 1

L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S
Nicht alle Buchnamen sind bekannt, da ein großer Teil der Materialien von Kopien stammt. Bitte wenden Sie sich für genauere Information über den Buchtitel an den jeweiligen Urheber der Kopie.

1. Bertelsmann Lexikon Geschichte [Computerlexikon]
2. Bertelsmann Universallexikon © 1994 Gütersloh, München [Computerlexikon]
3. Die Bibel, © 1980 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart
4. Deutsche Geschichte - Valentin, © 1960 Droemersche Verlagsanstalt, Zürich
5. Das große DATA BECKER Lexikon © 1995 Düsseldorf [Computerlexikon]
6. HISTORIA 2, © 1995 Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn [Geschichtsbuch]
7. Illustierte deutsche Geschichte - Vom Werden einer Nation - © 1991 Naumann & Göbel Verlags-GmbH, Köln
8. Kopie von Herrn Lebeau an die Katholiken unserer Klasse
9. Kopie von Herrn Rudolf anhand eines Buches aus der Oberstufenbibliothek
10. Neues Großes Lexikon in Farbe, © 1990 Sonderausgabe
11. Philipp Melanchthon (1497 - 1560), © 1960 Melanchthonverlag Bretten [Gedenkbuch zum 400. Todestag]
12. P.M. - Peter Moosleitners interessantes Magazin - Heft 3 / 1985
13. Schülerlexikon, Hans-Witte-Verlag, Freiburg, 1955

Layout:
Das Erscheinungsbild dieses Referates wurde mit folgenden zwei Computerprogrammen erstellt:
Microsoft: Works for Windows 95 4.0 [Computer-Software]. Redmond, © US-Bundesstaat Washington, 1996.
Microsoft: Word 97 [Computer-Software]. Redmond, © US-Bundesstaat Washington, 1997.

Alle sonstigen Copyrights werden hiermit ausdrücklich anerkannt.