Ökumene heute -Gelebte Ökumene

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Der zentrale Gottesdienst zur Einheit der Christen im Jahr 2005 wurde gemeinsam von Kardinal Friedrich Wetter, Landesbischof Johannes Friedrich und Pfarrer Norbert Müller geleitet, wobei das Leitwort deutlich wurde: "Christus das eine Fundament der Kirche."


Gebetstag zur Einheit der Christen 1992

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1. Begriff

Unter "Ökumene" versteht man die vielfältigen Bemühungen der christlichen Kirchen und Konfessionen angesichts der bestehenden Trennungen und Spaltungen um eine sichtbare Einheit der Christen. Ökumene ist kein Hobby Einzelner, sondern die Bestimmung aller Christen, daß sie der Bitte und dem Vermächtnis Jesu zu entsprechen suchen, so daß alle, die an ihn glauben, "eins seien " , wie er mit dem Vater und der Vater mit ihm (Joh. 17, 21). Der Begriff "Ökumene" wird heute auch auf das christlich-jüdische Verhältnis und auf die Bezie- hungen zwischen dem Christentum und den anderen Weltreligionen bezogen.

2. Geschichte und Gegenwart

Beim innerchristlichen Einigungsprozeß war der 1948 gegründete Ökumenische Rat der Kirchen von größter Bedeutung, in dem die "Bewegungen für Glauben und Kirchenverfassung" (erste Weltkonferenz 1927 in Lausanne) und für "Praktisches Christentum "(erste Weltkonferenz 1925 in Stockholm) aufgingen und dem sich 1961 auch der "Internationale Missionsrat"(gegründet 1921) anschloß. Er hat die gespaltene Christenheit angesichts der großen missionarischen und sozialen Herausforderungen unseres Jahrhunderts schon näher zusammengeführt . Den wichtigsten Einschnitt in der Geschichte der ökumenischen Bewegung seit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 vollzog sich durch die Öffnung der katholischen Kirche zur Ökumene durch das zweite vatikanische Konzil. Diese Öffnung und die Verpflichtung der katholischen Kirche auf das Ziel der sichtbaren Einheit der getrennten Kirchen wurden immer wieder auch durch offizielle Äußerungen bestätigt und hat sich in vielfältiger Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen (auch gerade mit den Kirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen) konkretisiert. So steht auch die katholische Kirche auf weltkirchlicher Ebene in offiziellen theologischen Dialogen mit der Orthodoxie, der Anglikanischen Gemeinschaft im Reformierten Weltbund, dem Lutherischen Weltbund, dem Methodistischen Weltrat, dem Baptistischen Weltbund, den Pfingstlern etc. Heute sind zwar nicht alle aber doch größtenteils die meisten christlichen Kirchen und Gemeinschaften in der Welt in irgendeiner Form an der Ökumene beteiligt, sei es durch theologische Gespräche, sei es durch praktische Kooperation, sei es durch Kontakte und gemeinsame Gottesdienste in den Ortsgemeinden. In vielen Kirchen gibt es Gemeinden, wo sich Menschen besonders intensiv um die Begegnung und Zusammenarbeit mit Christen anderer Kirchen und Konfessionen bemühen. Besonders auf diesem Weg des innerchristlichen Dialogs werden viele Vorurteile und traditionelle Gräben und Barrieren zwischen getrennten Christen und ihren Kirchen abgebaut oder sogar beseitigt. Die ökumenische Situation zeigt sich in den einzelnen Ländern, Regionen und Erdteilen in so unterschiedlicher Weise, nicht zuletzt auch wegen der kulturellen, sozialen und politischen Verhältnisse, unter denen die Kirchen jeweils leben. In Deutschland besteht zwischen den beiden großen Kirchen (römisch-katholische und evangelische Kirchen in Deutschland) ein sehr gutes und umfassendes vielfältiges Netz von Kontakten auf allen Ebenen und in allen Bereichen des kirchlichen Lebens.

3. Struktur und Aufgaben der Zusammenarbeit

Der Ökumenische Rat der Kirchen mit seinen inzwischen 310 Mitgliedskirchen zählt ca. 400 Mill. Mitglieder (von den Orthodoxen über Anglikaner und Reformierte und Lutheraner bis zu Baptisten, Pfingstkirchen und "Unabhängigen" afrikanischen Kirchen) und erweist sich noch immer als das bedeutendste institutionelle Forum der Ökumene, soweit sie die nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften betrifft. Es geht ihm vor allem darum, auf der Grundlage des gemeinsamen christlichen Glaubens und der damit schon gegebenen Einheit die trennenden Faktoren zwischen den verschiedenen Kirchen und Konfessionen so aufzuarbeiten, daß sichtbare Einheit in Glauben, Zeugnis und Dienst an der Welt möglich wird. In diesem Zusammenhang soll auch die gemeinsame Verantwortung und Aufgabe wahrgenommen werden, das Gespräch zwischen den Religionen und die Zusammenarbeit aller Menschen, die nach der Wahrheit fragen und Wege der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung gehen wollen, zu fördern.

Es ist wichtig, nach einem gemeinsamen Beitrag zur Lösung der gegenwärtigen Menschheitsfragen nach Gerechtigkeit und Frieden, nach seiner Begründung der Rechte und der Würde des Menschen, aber auch nach seiner Antwort für die Frage nach dem Sinn von Leben und Sterben, von Welt und Geschichte zu suchen. Es werden dabei auch Antworten auf die schweren ethischen Fragen gesucht, wie z.B.: Dürfen wir menschlich tun, was wir technisch zu tun vermögen? Auf diese globalen Herausforderungen in unserer technisierten Welt sollte die Christenheit durch ein gemeinsames Zeugnis in der Besinnung auf die Bibel eine Antwort finden, und somit auch ihre Einheit als Kirche, die sich Jesus Christus als ihrem Herrn und Heiland verpflichtet weiß, zum Ausdruck bringen.

Auf diesem schwierigen Weg sind die christlichen Kirchen in den letzten Jahrzehnten vorangekommen, auch wenn die einzelnen Kirchen in unterschiedlicher Weise und Intensität am ökumenischen Prozeß beteiligt sind und viele wesentliche Entscheidungen noch nicht eingetreten sind.

Der Ökumenische Rat der Kirchen versteht sich, wie es in einem Text der Vollversammlung in Vancouver (1983) heißt, als "ein Forum für intensive Begegnung und intensiven Austausch christlicher Erfahrung, theologischer Überzeugung und geistlicher Einsichten". Die Arbeit des Ökumenischen Rates war und ist vor allem durch das konfliktträchtige Neben- und Ineinander verschiedener Grundthemen wie folgt geprägt: Bemühen um sichtbare Einheit der Kirche, Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, Evangelisierung und Mission, Erneuerung der Kirche. Nicht zuletzt deshalb, weil dem Ökumenischen Rat der Kirchen so viele und nach Ursprung und Struktur so unterschiedliche Kirchen angehören, spiegeln sich in ihm in besonderer Weise auch all die Spannungen, mit denen die Weltchristenheit sich heute auseinanderzusetzten hat.

4. Das Ziel der Ökumene

Das Ziel der Ökumene kann weder eine sogenannte Rückkehr-Ökumene sein im Sinn einer Konversion aller Kirchen in eine bestehende Kirche, etwa der römisch-katholischen Kirche, wie sie ist, noch die Unterwerfung irgendeiner Kirche unter eine andere Kirche sein zugunsten einer zentral gesteuerten Einheitskirche. Denn dazu ist keine der bestehenden Kirchen bereit, auch und gerade ja die Ostkirchen Europas nicht. Das Ziel der Ökumene kann aber auch nicht einfach die Bestätigung des bestehenden Zustandes sein, verbunden mit dem Austausch gegenseitiger Freundlichkeiten, weil man dadurch der ökumenischenVerantwortung nicht gerecht wird. Ausgeschlossen als Ziel der Ökumene ist auch die Möglichkeit einer dritten Konfession, die an die Stelle der bestehenden Konfessionen tritt.

Das Ziel der Ökumene kann vielmehr nur eine "Einheit in Vielheit" sein. Hinsichtlich der bisher noch getrennten christlichen Konfessionen heißt dies: Eine versöhnte Verschiedenheit. Dies meint nicht den Gegensatz, sondern den Ausdruck lebendiger Einheit. Einen wichtigen Impuls empfing die ökumenische Zielvorstellung von Calvin und der Schweizer Reformation, die weithin von Städten, also von Ortsgemeinden getragen war und wo die Ortsgemeinden als Einheit am Ort toleriert wurden, wobei die Bibel bei allen als einzig verbindlicher Maßstab für ihr Leben und ihre Ordnung und ihre Erneuerung galt. Sie wollten die Kirche wieder in Form bringen nach dem Maßstab, den Gott selber in seinem Wort gesetzt hat.

Die Einheit der Kirchen kann somit nur geschehen durch Erneuerung, durch die Verwirklichung des reformatorischen Prinzips: Ecclesia semper refomanda (die stets zu erneuernde Kirche, weil der reformatorische Prozeß ein immerwährender Prozeß ist). Somit ist auch gerade die Evang.-ref. Kirche, die sich ja als stetig zu erneuernde Kirche versteht, ein Beispiel dafür für eine Kirche auf dem Weg der Einigung, denn die Orientierung der Erneuerung ist und bleibt auf den Ursprung aller Kirchen gerichtet, auf Jesus Christus selbst und sein Evangelium. Quelle und Maßstab allein ist also das Wort Gottes allein, das mit uns Menschen in einen Dialog getreten ist, der nie abgeschlossen ist, weil Gott uns immer voraus ist, weil Gott selber nie aufgeht in unseren Bekenntnissen und Traditionen, weil Gott selber uns auf einen Weg führt mit immer neuen Öffnungen und uns immer neu in Frage stellt, weil Gott selber niemals unser Besitz werden kann, so daß wir niemals auch über Gott verfügen könnten. Ökumene ist also ein lebendiges Geschehen im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes, im voneinander Lernen miteinander und auch im gemeinsamen Beten. Ökumene ist damit auch immer ein Geschehen indem wir uns neu öffnen, für das was uns Gott durch sein Wort hier und heute sagen und an Orientierung und Wegweisung geben will.

5. Die Bedeutung der Gemeinde für die Ökumene

Auf dem Wege zum Ziel der versöhnten Verschiedenheit kommt der sogenannten Basis, der Einzelgemeinde eine ganz besondere Bedeutung zu. Das zeigt sich z.B. für unsere Evang.-ref. Gemeinde München II darin, daß sie in guter ökumenischer Nachbarschaft mit der Evang.-luth. Lätarekirche den Seniorenclub gemeinsam betreut, Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft ohne Probleme zwischen lutherischen und reformierten Pfarrern im Sinne und gemäß der "Leuenberger Konkordie" von 1973 gepflegt werden. Was die Zusammenarbeit der christlichen Kirchen auf lokaler ökumenischer Ebene in München an- betrifft, so bin ich froh und dankbar darüber, daß ich zu verschiedenen Anlässen und Treffen und gemeinsamen Gottesdiensten z.B zum Weltgebetstag der Frauen, zur Gebetswoche zur Einheit der Christen, zum Tag des Flüchtlings, zum ökumenischen Pfingstgebet etc. immer wieder mit einzelnen Menschen zusammengekommen bin, die mir ihre Tradition und ihr Christsein deutlich spürbar und verstehbar gemacht haben und so auch meine Gedanken von mancherlei Klischees und Vorurteilen über unsere Mitchristen anderer Konfession befreit worden sind. In der gemeinsamen Unterstützung von gesellschaftlichen Randgruppen, von sozial Benachteiligten, Flüchtlingen etc. nehmen die Kirchengemeinden verschiedener Konfessionen bewußt ihre diakonische und ökumenische Verantwortung wahr.

6. Ökumenische Erfahrungen

In der ökumenischen Erfahrung, die ich habe sammeln können, ist mir aufgegangen, daß die Wahrheit des Evangeliums größer ist, als daß sie irgendeine kirchliche Tradition allein zu fassen vermag und daß der christliche Glaube in verschiedenen traditionellen Ausdrucksformen praktiziert werden kann, als uns zunächst aufgrund unserer eigenen Tradition bewußt sein mag. In der ökumenischen Begegnung wird einem Menschen die Erfahrung zuteil, die eigene Konfession mit Bescheidenheit anzusehen und dabei anzuerkennen, daß Gott mehr Möglichkeiten hat, die Wahrheit des Evangeliums in dieser Welt dem Menschen mitzuteilen und zum Ausdruck zu bringen, wobei ich die Ausdrucksweise und die Tradition meiner Kirche bejahe und sie gerne in die ökumenische Begegnung innerhalb der Kirchen miteinbringe, um den ökumenischen Prozeß voran- zubringen und sich gegenseitig anzuerkennen. Es ist auch für mich wichtig, im Gespräch mit Christen anderer Kirchen zu erfahren, welches Bild von Kirche sie über die reformierte Kirche gewonnen haben, so daß ich dann auch die Gelegenheit wahrnehmen kann, den eigenen Blickwinkel zu weiten, neue Erkenntnisse zu finden und auch die eigene Kirche dabei besser kennenzulernen und auch falsche Meinungen über die eigene Kirche auszuräumen bzw. zu korrigieren. In der Begegnung und in dem Austausch mit Vertretern anderer Kirchen wird mir zwar immer noch bewußt, in welchem Maße die Kirchen noch nicht miteinander versöhnt sind, wie weit auch die Trennung zwischen den Kirchen verharmlost bzw. beschwichtigt wird und wie schwer der Weg zur Versöhnung im alltäglichen Miteinander eigentlich ist. Ich denke hier auch an die ökumenischen Probleme, die z.B. in der Frage der vielen konfessions- verschiedenen Ehen und dem jeweiligen unterschiedlichen Sakramentsverständnis auftreten. Toleranz und Bewährung sollten hier zu einem Modell der konfessionsverbindenden Ehen und somit zu einem Modell der Ökumene werden, wie wir es in unserer Gemeinde an einem Gesprächsabend zwischen ökumenischen Ehepartnern im Gespräch mit einem Vertreter des Erzbischöflichen Ordinariats diskutiert haben. Ökumenische Probleme und Fragen werden auch in den Einzelgemeinden in der Praxis immer wieder akut und konkret, z.B. bei den ökumenischen Trauungen. Die da gemachten Erfahrungen sind für mich überaus wichtig, weil sie das Gemeinsame sichtbar werden lassen, besonders die gemeinsame Sendung der Kirche für die Welt und zu den Menschen, und dabei auch viele Möglichkeiten geweckt werden, wo Glaube, Hoffnung und Phantasie, Weite und Toleranz sowie Einfühlungs- vermögen zueinander eingeübt und erfahrbar werden. Auf dem gemeinsamen Weg zur Einheit in Vielfalt helfen mir meine bisher vielen positiven Erfahrungen im Bereich der Ökumene, die Ängste vor dem Verlust von Kontinuität und Identität der eigenen kirchlichen Tradition zu überwinden. Ich bin froh darüber, daß sich Ökumene nicht in einem luftleeren Raum ereignet, sondern auch weiterhin in die konkreten Lebensverhältnisse der Einzelnen und auch ihr jeweiliges kulturelles und soziales Umfeld eingeschlossen ist.

7. Die Zukunft der Ökumene

Wenn die Zukunft der Ökumene vielleicht auch hin und wieder zwischen Resignation und Hoffnung schwankt, so bleibt doch unübersehbar, daß die ökumenische Bewegung bisher unumkehrbare Entwicklungen in der weltweiten Christenheit bewirkt hat, sei es nun im theologischen Gespräch durch die Rückbesinnung auf Schrift und Tradition im gemeinsamen "Aufeinander hören", "Voneinander lernen" und im "Gemeinsamen Beten". Das gilt auch für die Suche nach neuen Verstehensmöglichkeiten der bisher erreichten Konvergenzen zu Taufe, Eucharistie und Amt ("Lima-Erklärung" - 1982; Vereinbarung der EKD über eine gegenseitige Einladung zur Teilnahme an der Feier der Eucharistie mit den Altkatholiken in Deutschland: 1985). Aufgrund dieser Annäherungen zwischen den Kirchen und auch meiner gesammelten Erfahrungen in der Praxis habe ich den Eindruck und die Gewißheit, daß die Christen verschiedener Kirchen mehr und mehr im gemeinsamen Gebet und Gottesdienst wie auch in der praktischen Zusammenarbeit im Dienst an der Welt zueinanderfinden. Es ist gut, daß sich die christlichen Kirchen in vieler Hinsicht gegenseitig geöffnet und voneinander gelernt haben. Das Verständnis und das Interesse an der weltweiten Verbundenheit und das Verständnis füreinander ist unter den Christen und ihren Kirchen gewachsen. Und weil Gott selber als die Quelle der Einheit und des Lebens überhaupt nicht aufhört, können und dürfen wir Christen Hoffnung haben, daß noch bestehende Trennungen zwischen den Kirchen in Zukunft überwunden werden und die Kirchen in versöhnter Verschiedenheit zu einer glaubwürdigeren Gestalt ihrer selbst finden.


Norbert Müller
Pfarrer