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Jahreslosung 2015:„Nehmt einander an, Christus euch angenommen hat“ Römer 15,7
Liebe Freundinnen und Freunde unserer Gemeinde!

Ist diese Losung, einander anzunehmen, nur ein frommer Wunsch? Hat Konrad Adenauer recht mit seiner Äußerung: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt's nicht?“
Unter uns leben Menschen anderer Nationalitäten und Religionen. Manchmal erkennt man das oftmals nicht.
Wo ein Volk oder eine Religion sich über Andere erheben will, ist das friedliche Miteinander gefährdet. Das Gegenteil von Annehmen ist Ablehnen, Gleichgültigkeit, Feindschaft und Hass. Deshalb ist der Aufruf des Paulus aktueller denn je. Was empfinden Sie bei diesem Appell und in welcher Situation hat ihn Paulus geschrieben?- Der Apostel hatte hier die Gemeinde in Rom vor Augen gehabt, die durch viele Streitpunkte auseinanderzubrechen drohte. Dort gab es Unstimmigkeiten zwischen Juden und Nichtjuden, „Starken“ und „Schwachen“. Die Schwachen aßen kein Fleisch und tranken keinen Wein. Zudem beachteten sie bestimmte Tage. Dieses Verhalten führte zu Konflikten, weshalb Paulus aufrief: „Nehmt einander an!“ Im Hintergrund stand die Frage, ob die Speisevorschriften einzuhalten seien oder nicht. Paulus selbst bezeichnete sich selbst als Starken, der dazu aufrief, Rücksicht zu nehmen auf die Schwachen, die es vorzogen, genau nach den Speisegesetzen zu leben. In unserer multireligiösen- und kulturellen Gesellschaft regt uns das Wort des Paulus an zur Achtsamkeit und Toleranz gegenüber all denen, die anders sind als wir und die anders denken und glauben als wir. Menschen sind naturgemäß unterschiedlich, und Unterschiede geben den Stoff ab, aus dem Trennungen, Missverständnisse, Konkurrenzen und Streit gemacht sind.
Dabei sind es oft nur scheinbare Kleinigkeiten: Der eine ist eher vorsichtig und zurückhaltend, der andere ist mutig und schnell zur Tat. Menschen haben unterschiedliche Vorlieben, Interessen, Stärken und Schwächen.
Unterschiedliche Erfahrungen in früheren Zeiten haben sie auf je besondere Weise geprägt und zu unterschiedlichen Einstellungen geführt. Und diese unterschiedlichen Menschen leben zusammen, manchmal eng, wobei sie aufeinander angewiesen sind in der Familie, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Kirchengemeinde. Wenn Menschen mit Unterschieden zusammenleben, kann es Streit, Konflikte, ja Kampf geben. Unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse, Einschätzungen, Gewohnheiten können zu kaum überwindbaren Gegensätzen führen. Und das macht uns nicht selten das Leben schwer.
Persönliche Beziehungen scheitern deshalb. Am Arbeitsplatz macht man sich manchmal gegenseitig das Leben schwer. In der Politik gibt es heftigen Streit. Israelis und Palästinenser z. B. finden kaum einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt. In der Ukraine ringen unterschiedlich geprägte Menschen darum, ob und wie sie zusammenleben können. Unterschiede können zu unlösbar scheinenden Konflikten führen.
Wie können Konflikte vermieden werden? Vorurteile abbauen und Vertrauen schaffen, z. B. Begegnungen und Dialoge zum gegenseitigen Verstehen, Verwundungen und Vergangenheit aufarbeiten, Einsatz für die Menschenrechte überall auf der Welt.
Die Würde des Menschen zu achten ist Nächstenliebe. Den Anderen so nehmen, wie er oder sie ist, mit allen Stärken und Schwächen. Der Geist der Nächstenliebe und der Toleranz und Mitverantwortung orientiert sich an Jesus. Und wenn es uns gelingt, was Paulus uns wünscht, dann haben wir erkannt: Weil Christus uns angenommen hat, können wir uns untereinander annehmen.
Die Evangelien berichten, dass Jesus auf Menschen, die Außenseiter waren, zugegangen ist und sie angenommen hat. In Christus wird die voraussetzungs-lose Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar, egal woher sie kommen. Die Begegnung mit Jesus verändert Menschen. Seine Liebe schafft die Voraussetzung, dass Menschen sich ändern und ihren Weg finden. Ein Beispiel für die praktizierte Nächstenliebe ist Friedrich von Bodelschwingh. Die Liebe Gottes trieb Bodelschwingh zu den Randgruppen der Gesellschaft. Als Kind war er Spielgefährte des späteren Kaisers Friedrich III. In Paris arbeitete er unter den Gassenkehrern. In Norddeutschland machte er als glänzender Organisator die Bethel-Anstalt für psychisch und epileptisch Kranke zu dem größten diakonischen Werk der Nachkriegszeit. Sein praktisch gelebter Glaube und seine Herzlichkeit überzeugten viele Menschen. Möge auch unser Weg von dem Glauben an Jesus Christus getragen sein, der in Worten und Taten der Liebe spürbar wird.
Ich grüße Sie alle herzlichst mit allen guten Wünschen, vor allem
Gesundheit, Freude am Leben und Gottes Segen!

Herzlichst Ihr
Norbert Müller

„Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht liebt!“

Friedrich von Bodelschwingh
(1831-1910)