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Andacht zur Jahreslosung 2011: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Römer 12,21
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!

Ist diese Losung nicht eine Herausforderung, der man heute wie damals fragend gegenüber steht: Wie soll das gehen? Es ist leichter gesagt als gelebt, eigene Fehler einzugestehen und gar Böses zuzugeben kostet Überwindung. Was ist, wenn ich mit meinen Fehlern nicht geliebt werde? Wie sieht Gott mich an? Und was ist, wenn meine Kraft nicht reicht, das mir zugefügte Böse, zu vergeben und mit Gutem zu überwinden? Wie soll ich dem Menschen, der mich verleumdet, zu Unrecht anklagt; dem, der mich mit Worten und Taten verletzt; dem, der Gewalt gegen mich ausübt oder mir gar an das Leben will, wie soll ich dem Menschen, der sich nicht mal entschuldigen will, wie soll ich dem nicht nur vergeben, nicht nur seine Boshaftigkeit vergessen und Gras über die Sache wachsen lassen, sondern wie soll ich dem Gutes tun und lieben? Was sind eigentlich die Maßstäbe von Gut und Böse? Alle Religionen sind sich in Fragen der Ethik erstaunlich einig. Die ethischen Maßstäbe mögen zwar in Bewegung geraten und in der Diskussion sein, aber dass es Gut und Böse gibt, daran ist doch kein Zweifel. Das Böse hat viele Gesichter. In der christlichen Tradition galt das Böse lange als etwas, das von außen in die Welt kommt, personifiziert in der Figur des Teufels. Das Böse wurde als etwas Übernatürliches gesehen, das die Menschen gewissermaßen wie eine Krankheit befällt und in seine Gewalt bringt. Die Menschen bringen das Böse nicht hervor, sie können nur davon beeinflusst sein. Deshalb hat Jesus uns im Vaterunser zu beten gelehrt: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Es steht fest: Das Böse ist bedrohlich. Wir stellen uns das Böse nicht mehr in der Gestalt des Teufels vor. Aber wer oder was bringt dann den Menschen auf den teuflischen Gedanken, zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center zu steuern? Wir wissen um die Fehlbarkeit des Menschen. Wir spüren die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit unserer Existenz. Wir erleben unsere Gefährdung. Jede Tat beginnt im Kopf, oft lange Zeit vor Beginn ihrer Ausführung. Wenn wir ehrlich sind, so wissen wir alle um die dunkle Seite im Menschen. Wir erkennen, dass die Trennwand zwischen Gut und Böse sehr dünn ist. Der Geist des Bösen gewinnt Raum und Macht, wenn Menschen gewissenlos werden und nicht mehr darauf achten, wo die Würde des Menschen verletzt wird und mit Hass und Gewalt noch mehr Hass und Gewalt erzeugt werden.
Gegen das Böse und die Gewalt setzt Paulus das Gute und die Liebe. Liebe ist die einzige Macht, die das Böse bezwingen kann. Paulus schlägt eine aktive Haltung der Gewaltlosigkeit vor. Statt sich zu fügen, soll man versuchen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Wir sollen als Christen verblüffende Wege wagen, anders reagieren als erwartet wird, ausbrechen aus dem Kreislauf der Vergeltung, kreative, ungewöhnliche Lösungen suchen, Möglichkeiten, an die wir zunächst vielleicht gar nicht denken. Es geht im Sinne des Gebots Jesu darum, den Feind zum Freund zu machen. Das ist die christliche Strategie im Umgang mit dem Bösen: Gottes Reich wird nicht erkämpft, es wird gesät und wächst, da wo Menschen sich den Teufelskreisen des Bösen verweigern und angesichts des Bösen Wege der Liebe und Wege zum Frieden suchen. Böses mit Gutem zu überwinden: das ist nun nicht nur eine Sache von Vernunft und Klugheit. Es ist vor allem eine Frage, ob wir Christen sind, ob die Liebe Gottes in uns wohnt, ob wir nach dem Gebot der Liebe leben. Wo die Liebe Gottes wohnt, kann das Böse keinen Platz mehr haben. Wo die Liebe wohnt, da ist Barmherzigkeit. Wo die Liebe wohnt, da vergibt man sich nichts, wenn man jemanden vergibt. Wer von der Liebe Gottes weiß, der kann seine Sorgen und Nöte auch der Güte Gottes anvertrauen. Wer von Gottes Gerechtigkeit weiß, der weiß auch, dass Gottes Mühlen langsam aber trefflich mahlen. Letzten Endes kann nur Gott selbst das Böse in aller Welt und in aller Form überwinden. Wir können aber unseren Teil dazu beitragen, indem nach Gottes Geboten leben. Wir können als Eltern unseren Kindern Vorbilder sein. Wir können auch unseren schwierigen Mitmenschen die Liebe Gottes vorleben. So können wir dazu beitragen, dass das Böse überwunden wird.
Ich grüße Sie alle herzlichst mit allen guten Wünschen für 2011, vor allem Gesundheit, Freude am Leben und Gottes Segen!

Herzlichst
Norbert Müller

Ein Rabbi wurde einmal gefragt: „Wer ist der mächtigste Mann?
Er antwortete: „Wer die Liebe seines Feindes gewinnt, ist der Mächtigste im ganzen Land!“