Andacht zur Jahreslosung 2008: „Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" (Johannes Evangelium 14, 19)
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!

Es gibt viele Abschiedsmomente im Leben. Kindern fällt der Abschied von den Eltern und Großeltern schwer, wenn sie allein ein große Reise unternehmen.Wenn jemand von seiner Frau und den Kindern Abschied nimmt, weil er in eine Krisenregion wie Afghanistan aufbrechen muss, dann mischen sich Ohnmacht und Sorge in den Abschied. In seinem bekannten Gedicht „Stufen“ beschreibt Hermann Hesse, wie der Mensch im Laufe der Jahre Lebensabschnitte durchschreitet und dabei immer wieder neu Abschied nehmen muss:
„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreis und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,mag lähmender Gewohnheit sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Abschiednehmen –das ist nicht einfach. Besonders, wenn alle fühlen, dass dies ein Abschied für immer sein könnte. Um den Abschiedsschmerz zu mildern, gab der Dichter Theodor Fontane folgenden Rat: "Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung".
Die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium führt uns in eine Situation des Abschiednehmens. Jesus kündigt seinen Jüngern und vielen anderen Menschen, denen er geholfen und ein neues leben eröffnet hat, sein Weggehen an. Die Jünger Jesu haben Abschied und Tod vor Augen. Wir wissen nicht, ob sie seine Abschiedsworte sofort verstanden haben. Vielleicht haben sie sich gefragt: Hatte der gemeinsame Weg mit Jesus überhaupt einen Sinn gehabt? Eine vertraute Zeit geht für sie zu Ende und die Zukunft liegt als unbekanntes Land vor ihnen. Jesus ermutigt sie mit diesen Worten: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Sein Tod und seine Auferstehung machen den Weg zu einem Leben, dem kein Tod etwas anhaben kann, frei.
Diese frohe Botschaft wirft einen heilen Schein auf das Leben im Schatten des Todes. Für die Gefährten Jesu Christi ist es tröstlich, dass sie nicht einfach zurückgelassen werden. Jesus stimmt sie auf die neue Wegstrecke ein. Sie werden nicht allein sein. Das bringt die Jahreslosung zum Ausdruck: Er kündigt ihnen die tröstende Gegenwart des Heiligen Geistes an. Dieser Tröster — so Jesus — wird ihnen Beistand, Helfer, Mittler und Fürsprecher sein. Gottes Geist wird sie in die ganze Wahrheit leiten und stärken, Leben zu schützen und zu bewahren.
Gottes Geist steht auf der Seite des Lebens. Gottes Wort und Geist stellen Christinnen und Christen auf die Seite des Lebens. Wo Leben verletzt, bedroht und ausgelöscht wird, erwartet der Auferstandene die Parteinahme der Christinnen und Christen. Geschwächte Menschen, Menschen mit Behinderungen, kranke Menschen, Menschen am Rande des Todes sollen die Solidarität ihrer Mitmenschen erfahren. Christen sind Protestleute gegen den Tod, weil sie darauf hoffen, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod und dass Jesus uns ein Leben verspricht, wie er es haben wird. Ein Leben nach dem Sterben, das diesen Namen wirklich verdient. Jesus wird es nicht für sich behalten, sondern an die weitergeben, die ihm vertrauen. In diesem Sinne bekennt der russische Dichter Dostojewski kurz vor seinem Tod: "Mein Leben geht zu Ende. Ich weiß und fühle es. Doch mit jedem sich neigenden Tag spür ich auch, wie mein irdisches Leben übergeht in ein neues, unendliches, unbekanntes Leben, dessen Vorgefühl mein Herz fröhlich macht."
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2008 alles Gute, vor allem Gesundheit, Achtsamkeit und Ehrfurcht für alles Lebendige und Gottes Segen!

Herzlichst
Norbert Müller

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?
Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“
Albert Schweitzer, Urwaldarzt und Theologe