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Andacht zur Jahreslosung 2006: „Gott spricht: ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Jos 1,5b.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!

Als Gott diese Worte dem Josua zugesprochen hat, da stand der Nachfolger des Moses auf der Schwelle ins Ungewisse, auf der Schwelle zum gelobten Land. Unsicher war die Zukunft für ihn und die Seinen. Wir fragen uns:
Was kommt auf uns zu? Wird es besser werden als bisher? Wird es schlechter werden? Es sind Fragen vor dem Weitergehen. Was denken heute Menschen bei diesem Zuspruch Gottes: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht?“
Viele Spötter unserer Zeit meinen: diese Worte sind in einer Welt, die keine Sicherheit kennt, eine Vertröstung der Frommen. Sicher haben Menschen in verschiedenen Lebenslagen unterschiedliche Erfahrungen gemacht mit und ohne Gott. Manche haben sich bei Schicksalsschlägen, Krankheiten etc. von Gott verlassen gefühlt, andere haben Glück im Unglück gehabt und sind bewahrt worden vor dem Unheil eines Lebenssturzes.
Was auch bleibt ist oft die Angst, dass etwas schlimmes Unvorhersehbares wieder passieren könnte. Nicht immer hat ein Mensch selbst Kraft nach einem gewichtigen Sturz wieder aufzustehen. Lebensstürze passieren im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben. Ich denke z. B. an die vielen Menschen, die bisher durch das soziale Netz gerutscht und gefallen sind. Wie viele haben keine ausreichende eigene Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen? Auch ihnen und ihnen sogar ganz besonders gilt die Zusage Gottes: „Ich lasse Dich nicht fallen!“
Wie viele Menschen treten immer wieder zur Seite, wenn sie jemandem begegnen, der gefallen oder gestrauchelt und dabei eben in der Gosse gelandet ist? Ob er daran selbst oder völlig unschuldig ist, spielt dabei oft keine oder eine untergeordnete Rolle. Das herzlose Verhalten gegenüber einem Gefallenen wird in einem Sprichwort so ausgedrückt: „Wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen!“
Wie schnell lassen wir Menschen einfach jemanden fallen. Da wird in Familien nicht mehr miteinander geredet, weil ein Wort das andere gegeben hat, und da wird das Kind, das man groß gezogen hat, einfach fallen gelassen. Da verstehen Ehepartner einander nicht mehr, weil der eine den anderen enttäuscht hat, und er wird einfach fallen gelassen. Da sind Geschwister zerstrittenten, weil der Eine schon im Voraus wahrscheinlich mehr vom künftigen Erbe abbekommen hat, als der Andere. Da werden Menschen, die in Ihrem Job den Anforderungen nicht gerecht wurden, einfach fallen gelassen. Wie viel Schmerzen und Leid fügen Menschen einander zu? Wie oft werden Eltern, Geschwister, Kinder, Freunde, Bekannte, Kollegen einfach fallen gelassen?

Wie gut ist es, dass Gott das Gegenteil tut. Wir müssen uns ihm ausliefern.
Wir sollen nicht auf unsere eigene Kraft bauen und immer wieder darauf hoffen, dass diese Welt und die Menschen dieser Welt zu uns gerecht sind. In solche Ungewissheit der persönlichen Situation und gesellschaftlichen Krise hinein spricht Gott sein Wort: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“

Mir fällt hier ein Wort des Hamburger Pastoren Helge Adolphsen ein, der die Menschen einmal so beschrieben hat: Es gibt „Wenn-Menschen“ und es gibt „Wie-Menschen“. Der „Wenn-Mensch“ sagt: Wenn ich vorher wüsste, wie es ausgeht, ja dann… Der “Wenn-Mensch“ ist furchtsam und braucht Sicherheit.
Der „Wie-Mensch“ aber geht mutig auf die Aufgaben seines Lebens zu und fragt: „Wie kann ich das Problem lösen?“ Mit dem Wort aus Josua 1,5b können wir tatkräftige “Wie-Menschen“ werden.
Im Vertrauen auf Gottes Wort mögen wir vorangehen von Raum zu Raum, von Zeit zu Zeit. Mögen wir mit Gottes Hilfe zu „Wie-Menschen“ werden, denn der Name Gottes, wie er sich im Dornbusch Moses offenbart hat, lautet so: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Mose 3,14) und das heißt für uns: „Ich verlasse dich nicht — ich bin für dich da.“
Das ist die gute Zusage, die Gott uns als unser Wegbegleiter gibt. Wenn wir scheinbar von allen verlassen sind, wenn sich die, denen wir am meisten vertraut haben, abwenden, wenn wir uns ganz allein fühlen, dann ist Gott immer noch für uns da. Das ist wunderbar. Hoffentlich werden wir die Wegweisung Gottes und seine schützende Nähe immer wieder erfahren können!
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2006 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.

Herzlichst
Norbert Müller

„Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land.“
Ludwig Helmbold 1563; Lied 365,1