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Andacht zur Jahreslosung 2004: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ Markus 13,31.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!

Dieser Satz aus der Endzeitrede Jesu im 13. Kapitel des Markusevangeliums wirkt zunächst verunsichernd und löst in uns Fragen aus: Was hat denn eigentlich noch Bestand, wenn scheinbar alles der Vergänglichkeit ausgeliefert ist? Was wir für ewig halten, wird einmal aufhören, zu existieren? Forscher haben berechnet, dass in 12 Milliarden Jahren die Sonne verglüht, weil ihr Wasserstoffhaushalt aufgebraucht sein wird. Spätestens dann also wird unser blauer Planet Erde ein Ende haben. Aber was uns noch mehr berührt, ist der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit: Wir selber werden vergehen. Und dann sind da die atemberaubenden Entwicklungen von Massenvernichtungswaffen und die zerstörerischen Mächte, die die Zukunft bedrohen. Die Angst vor nicht mehr kontrolierbaren Konflikten ist berechtigt. Denn der Weltuntergang, die Zerstörung unserer Erde durch Krieg und technische Katastrophen, ist vorstellbar geworden. Wozu Menschen fähig sind, wissen wir, wobei in den letzten Jahrzehnten das Ausmaß der zerstörerischen Fähigkeiten gewachsen ist. Teile dieser Erde, wie die Gegend um Tschernobyl, sind durch menschliche Schuld bereits unbewohnbar geworden. Der irdische Himmel über uns ist ebenfalls durch menschliche Einwirkung für gefährliche Strahlung durchlässiger geworden als früher. Unsere bewohnte Welt aus Himmel und Erde ist viel angreifbarer und zerbrechlicher, als manche Menschen sich das vorstellen können oder wollen. Als die Verse vom Evangelisten Markus niedergeschrieben wurden, hatte das jüdische Volk in Jerusalem gerade eine Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß erlebt: Die Römer hatten unter Kaiser Titus die Stadt erobert, den Tempel zerstört und viele Heiligtümer entwendet. Die Juden wurden vertrieben und zerstreuten sich. Unter diesem Eindruck sahen einige christliche Gruppierungen das Ende der Welt gekommen. Sie glaubten, Tag und Stunde zu kennen und sahen wie gelähmt den nahenden Weltuntergang auf sich zukommen. Gegen eine Stimmung von Resignation und Angst setzt der Evangelist das Wort Jesu. „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen“. Die Jahreslosung aus dem Markusevangelium will uns uns in einer Zeit von Verunsicherung und Ungewissheit trösten. In unserer Gesellschaft und in den Kirchen ist vieles im Umbruch und oft wird von vielen die Frage gestellt: Worauf ist denn eigentlich Verlass? Wie werden die anstehenden politischen Reformen in unserem Land unser Leben verändern? Die Reformen betreffen Einzelne und haben generelle Auswirkungen: Nullrunden, Kürzungen, Streichungen, die Nichtbesetzung von Stellen, der Verkauf von Kirchengebäuden, die nicht mehr haltbar sind. Innerhalb der Kirchen wird darüber diskutiert: Wie können wir trotz Kürzungen unsere Arbeit weiterführen wie bisher mit dem Ziel, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen, und die Liebe Gottes ausnahmslos in einer Gemeinschaft von Schwachen und Starken zu verwirklichen? Kann uns da die Jahreslosung zu Zuversicht anregen? Ich denke: Was auch immer geschieht, auch wenn sich der Zustand der Welt immer weiter verschlimmert: Die Zusage Gottes, dass er uns liebt und erhält, bleibt bestehen. Noch leben wir in einem der reichsten Länder der Erde. Wir müssen nicht ängstlich resignieren. Wir können unsere Ideen und Gaben einbringen, um die Welt menschlicher zu gestalten, die Solidarität der Starken mit den Schwachen zu erhalten. Jesu Worte sind unsere Wegbegleiter und zugleich die Verheissung, dass unsere Welt, wir alle auf den Gott zugehen, der uns in seinem Sohn seine unvergänglichen Worte anvertraut hat. Jesu Worte sind Worte der Verheißung. Warum werden sie nicht vergehen? Weil Jesus selbst „das Wort ist, von dem es am Beginn des Johannes-Evangeliums heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott... Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,1.14). Gott selbst ist in der Menschwerdung seines Sohnes in unsere menschliche Geschichte eingetreten und macht sie dadurch zur Heilsgeschichte. Unsere Zeit und unsere Welt gehen nicht einem Ende, sondern der Vollendung entgegen. Das Ende hat einen Namen und ein Gesicht. Am Ende steht der wiederkommende Herr Jesus Christus. Wir gehen Ihm entgegen, der alles vollendet. Matthias Claudius hat es mal treffend so ausgedrückt, wie die Welt vergeht und Gott alles in seinen Händen hält: „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit, und alle Welt vergeht wie ihre Herrlichkeit. Es ist nur einer ewig und an allen Enden und wir in seinen Händen".

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2004 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen!

Herzlichst
Norbert Müller

„Lasset uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!
Gustav Heinemann, 1950