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Andacht über die Jahreslosung 2003: ”Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“ (1.Samuel 16,4).
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!

Der weltberühmte Psychotherapeut C. G. Jung (1875-1961) zitierte gelegentlich einen Indianer, der sich über die Weißen geäußert hatte: "Schau bloß, wie grausam die Weißen aussehen! Ihre Lippen sind dünn, ihre Gesichter voller Falten, gefurcht, verzerrt. Sie haben starre Augen, suchen immer etwas. Was suchen sie bloß? Sie sind rat- und ruhelos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht..." Jung fragte ihn, warum er denn meine, die Weißen seien alle ruhelos? Da entgegnete der Indianer: "Sie denken mit dem Kopf, hast du gesagt. Das verstehen wir nicht!" Wo er - der Indianer - denn denke, wollte der Psychotherapeut wissen. "Wir denken hier!" sagte er - und deutete auf sein Herz. Jung versank in langes Nachsinnen.- Auch ich bin zum Nachdenken gekommen:
Wie sehen Menschen einander an, wenn sie sich eine Meinung vom anderen bilden wollen? Worauf achten wir eigentlich, wenn wir einander anschauen? Und wer möchte schon von einem anderen durchschaut werden? Wie oft schauen wir verschlossen aus und verziehen keine Miene. Wir lieben das Rollenspiel, setzen uns gern in Szene, machen anderen etwas vor. Wir fürchten, wir könnten auf die Seite der Verlierer geraten, wenn unsere Schwächen sichtbar werden. Darum zählen in der Gesellschaft gutes Aussehen, schicke Kleidung, Beredsamkeit, Witz, Schlagfertigkeit. Wer das besitzt, hat die besten Chancen zu einem gelingenden Leben — so denken viele. Auch der Prophet Samuel ging von dieser Voraussetzung aus. Er sollte einen neuen König für Israel salben. Unsere Jahreslosung ist im Zusammenhang mit der Geschichte über die Erwählung Davids zu verstehen. Samuel wird von Gott beauftragt, einen Sohn Isais als Nachfolger für König Saul zu salben. Dabei soll er nicht auf Aussehen und Gestalt achten: nicht auf mediengerechtes Auftreten, gefälliges Gehabe, die Gabe, sich verkaufen oder Mehrheiten schaffen zu können — Eigenschaften, die Menschen etwa bei der Wahl ihrer Politiker berücksichtigen. Samuel erhält einen anderen Maßstab: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“.
Deshalb salbt er nicht die sieben Sohne Isais, die ihm zuerst vorgestellt werden, sondern David. Gott hat diesen erwählt, den jungen Mann, von dem er weiß: Er hat das rechte Herz. Im Hebräischen hat das Wort "Herz" mit "Verstand" zu tun. 1.Samuel 16,4 bedeutet auch: Gott sieht das, was Menschen wollen, wünschen, hoffen. Andere haben diesem Bibelwort einen ganz anderen Klang gegeben: "Sei vorsichtig, was Du Dir für Gedanken machst: Gott sieht alles". Dazu folgende Geschichte: „In einer norddeutschen Stadt lebte vor Jahren ein Pastor, der als Seelsorger sehr beliebt und als Redner überaus begabt war. Dieser Mann hatte ein interessantes Hobby: er züchtete Hühner. Eines Morgens waren alle Hühner aus dem Hühnerstall verschwunden, gestohlen. Die Diebe hatten ein Schild zurückgelassen mit einer Aufschrift, die bald die Runde machte: "Der liebe Gott ist überall und sieht alles, aber er verpetzt uns nicht!“ Dieser Spottvers macht sich lustig über die weit verbreitete Vorstellung, dass Gott überall ist und mit aufmerksamen Augen alles sieht und registriert, was die Menschen treiben. Er sieht, wenn jemand sündigt und führt auch so etwas wie eine Strichliste. Der "liebe" Gott ist sozusagen im erzieherischen Einsatz . Vielleicht haben die Hühnerdiebe in ihrer Kindheit Gott nur so verzerrt kennen gelernt, nämlich als jemanden, mit dem man drohen kann, weil er allgegenwärtig ist und alles sieht. Ich denke, Gott wurde oft früher benutzt, um Kinder so gefügig zu machen. Es scheint überflüssig, hinzuzufügen, dass das Zerr-Bild eines zornigen, strafenden, gewalttätigen Gottes zurückblieb, vor dem letzt endlich kein Mensch bestehen kann. Dieser Gott, der uns durchschaut bis zu den letzten Fasern unserer Hoffnung und in alle Winkel der Verzweiflung, stellt uns aber nicht bloß. Er sieht und kennt uns eher wie ein liebender Vater und eine behutsame Mutter. Vertrauensperson vom Anfang bis zum Ende will er uns sein. Vor ihm muss keiner fliehen - aber zu ihm darf jeder fliehen - mit aller Freude und auch mit aller Last, die sich aufs Herz legt. Zu ihm dürfen wir fliehen, weil Gott es gut mit uns meint. Wie also die Menschen die Augen benutzen, um einen Menschen zu sehen, so bedient sich Gott seines Herzens, um Menschen an zu sehen. Gott schaut mit seinem Herz in das Herz eines Menschen. Wenn Gott in unser Herz sieht, können wir übrigens auch selbst lernen, mit dem Herzen zu sehen. Menschen, die lernen, auf ihr Herz zu hören und mit ihm zu reden, können auch dann mit dem Herzen sehen und werden klug und weise. König Salomo erbat sich von Gott ein weises Herz. Läge darin nicht auch unsere Berufung für uns als Kinder Gottes, wenn wir Gott den wichtigsten Platz in unserem Herzen geben und dann fähig werden, mit Gottes Augen die Welt zu sehen? Gott will, dass wir mit anderen offen und achtsam umzugehen und sie keinesfalls festnageln auf das, was sie sind. Überraschungen - im Guten, wie allerdings auch im Schlechten - sind immer drin. Für Gott ist es nie zu spät, einem Menschen einen Neuanfang zu ermöglichen. Die Biographie des Paulus zeigt uns, wie aus einem Christenverfolger ein Sendbote Jesu werden kann. Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass Gott weiss, wie wir wirklich sind und was er mit uns noch vorhat. Das Wort des Propheten Samuel ermutigt jeden, sich der Wahrheit seines Lebens zu stellen und stets Klarheit walten zu lassen. Wer sich den Blick Gottes auf die Innen -, statt auf die Außenseite seines Lebens - auf Kopf, Herz und Seele gefallen lässt, spürt die Gnade und Liebe Gottes, die uns neue Kraft gibt zum Leben, so dass wir mit einem erneuerten Herzen, mit gestärktem Glauben, mit froher Hoffnung und tatkräfiger Liebe zur Ehre Gottes und zum Wohle unserer Mitmenschen beitragen.

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2003 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen!

Herzlichst
Norbert Müller

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“
Antoine de Saint - Exupéry